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Nach dem Einsturz des Hochregals
Wettlauf mit dem Tod verloren
Mehr als 200 Retter suchen in einer dramatischen Aktion nach den Opfern
von Steffen Reichert, 17.01.08, 22:59h, aktualisiert 18.01.08, 19:54h
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Gespannt beobachteten die Retter die Bilder einer Spezialkamera auf einem Monitor. Sie erhofften so, einen Einblick in den Trümmerberg zu bekommen, der durch den Einsturz des Hochregals entstanden war. (MZ-Foto: Andreas Stedtler)
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Queis/MZ. Langsam schieben sich die Greifer nach vorn. Meter um Meter rücken sie weiter, bahnen sich mühsam den Weg in eine 117 Meter lange Halle, die ein einziger Papierberg zu sein scheint. Doch der aus Dessau herangebrachte Polypgreifer - bundesweit gibt es davon ganze zwei - hilft nur bedingt: Keiner der Helfer in der riesigen Firmenhalle vor den Toren der Saalestadt weiß genau, was passiert, wenn hier etwas bewegt wird. Verrutscht die völlig ineinandergefaltete Stahlkonstruktion mit einer Last von mehr als 2 000 Tonnen Papier noch ein weiteres Mal? "Man muss sich das eher als Mikado- denn als Dominoeffekt vorstellen", schildert Daniel Freyer-Gottschalk. Der 36-jährige Dessauer ist für das Technische Hilfswerk (THW) die ganze Nacht im Einsatz gewesen - man sieht ihm die Strapazen an.
Es ist Tag zwei einer dramatischen Rettungsaktion. Seit Mittwochnachmittag sind mehr als 200 Retter aus mehreren Bundesländern im Einsatz, um zwei verschüttete Männer zu finden. Zunächst mit vier, dann mit zwei weiteren noch nachts aus Leipzig geholten Spürhunden, wird nach den Vermissten gesucht. Noch ist die Hoffnung groß, sie lebend zu bergen. Denn da, wo ein Bioradargerät versagt - möglicherweise haben die Mengen an Stahl und Papier die Signale abgefangen -, da schlagen die Hunde an. Und exakt da finden die Rettungskräfte am Donnerstag um 3.15 Uhr den ersten der beiden Männer. Doch aus Hoffnung wird Trauer. Der THW-Helfer Kai Böge, ein 33-jähriger Ingenieur für Haushaltstechnik aus Halle, ist tot. Zu spät kommt die Hilfe für den stellvertretenden Chef des halleschen THW-Ortsverbandes. Seit 15 Jahren hat er bei Katastrophen geholfen - nun ist er selbst zum Opfer geworden. Begraben unter Bergen aus Stahlblech und Papier.
Die Suche nach dem zweiten Vermissten geht indes weiter. "Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen", sagte der aus Bonn angereiste Präsident des THW, Albrecht Broemme, mit Blick auf die weitere Arbeit. Und fügt hinzu: "Vielleicht passiert noch ein Wunder."
Ein Wunder? Die Hoffnung gilt seit diesem frühen Donnerstagmorgen in der Halle des Papiergroßhandels einem 27-Jährigen. Seit dem Einsatz des Spürhundes steht fest: Der Firmenmitarbeiter liegt etwa 30 Meter im Inneren der Halle - gut fünf Meter sind es am Nachmittag, die den Mann von den Rettern trennen. Aber fünf Meter können ewig lang sein. Sie entscheiden vielleicht über Leben oder Tod.
So bleibt es für die Rettungskräfte ein Wettlauf mit dem Tod. Kurz vor 20.30 Uhr steht fest: Sie haben ihn verloren. Nachdem zum zweiten Mal ein Spürhund an der Fundstelle angeschlagen hat, nachdem Kanalsonden gelegt und die Bilder ausgewertet worden waren, ist klar, dass der Mann gefunden ist. Noch einmal, ein letztes Mal, wird die Halle ausgeleuchtet. Noch einmal steigen Feuerwehrleute über das Dach in die Halle, um an die Fundstelle zu gelangen. Doch jede Hilfe kommt zu spät. Der Polizeipfarrer, der mit dem Kriseninterventionsteam vor Ort ist, muss die schwerste Aufgabe dieses Abends übernehmen. Er muss nach der Identifizierung der Leiche die Angehörigen informieren.
Zur selben Zeit, als die Rettungsarbeiten in vollem Gange sind, beginnen Polizei und Staatsanwaltschaft mit ihren Untersuchungen. Die zentrale der qualvollen Fragen: Warum ist das Hochregallager eingestürzt, nachdem am Dienstagnachmittag eine Mitarbeiterin das Regal mit ihrem Gabelstapler touchiert hat? War es überladen? War es beschädigt? Oder waren es gar falsche statische Berechnungen, die zu der Kettenreaktion führten? Doch die Antwort braucht Zeit. "Wir geben im Moment keine Stellungnahme ab", blockt denn auch die Sekretärin der Geschäftsleitung jede Frage ab.
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